Lehre
Das Wesen der buddhistischen Lehre läßt sich allgemein in drei Punkten erfassen: die Ansicht, also die philosophische Sichtweise der Realität, das Verhalten, was sich auf die ethische Lebenführung bezieht, und die Meditation. Meditation, der Kern der buddhistischen Lehre, bedeutet Umwandlung oder Schulung des Geistes. Das tibetische Wort dafür ist „gom“, was so viel heißt wie „sich an etwas gewöhnen, sich mit etwas vertraut machen, etwas einüben“. Es handelt sich um die Gewöhnung an heilsame, positive Bewußtseinszustände, die zum Erreichen von echtem Glück und zur Überwindung von Leiden führen sollen. Der Buddha hat klar herausgestellt, daß es keinen anderen Weg gibt, als den Geist zu schulen und in der Meditation umzuwandeln, wenn man Glück erlangen und Leiden beseitigen möchte. Dies wird übereinstimmend in allen buddhistischen Richtungen so gelehrt – im Hïnayāna und im Mahāyāna.
Die Schulung des Heilsamen in der Meditation muß auf einer korrekten Sicht der Wirklichkeit beruhen, deshalb ist ein weiterer Grundpfeiler des Buddhismus die Entwicklung der korrekten Ansicht. Mit einer Sichtweise, die der Realität entspricht, sollen die verschiedenen Arten der Unwissenheit überwunden werden, z.B. unsere Vorstellung, die Dinge seien unveränderlich, beständig. Das Hängen an Beständigkeit wird im Buddhismus als eine wesentliche Unwissenheit beschrieben. Als Gegenmittel dazu übt man die Erkenntnis, daß die Dinge sich ständig verändern, sogar von Moment zu Moment. Darüber hinaus gibt es noch grundlegendere Formen der Unwissenheit, die mit dem Begriff des Selbst zusammenhängen. Das Gegenmittel gegen die falsche Vorstellung vom Selbst ist die Ansicht des Nicht- Selbst, der Selbstlosigkeit. In den verschiedenen buddhistischen Lehrmeinungen gibt es zu diesem Thema unterschiedlich subtile Erklärungen. Das Wesentliche auf der Seite der Ansicht ist die Lehre vom Abhängigen Entstehen. Die Erkenntnis des Abhängigen Entstehens ist die Grundlage für die gesamte buddhistische Geistesschulung und für den dritten Pfeiler des Buddhismus neben Meditation und Ansicht, das Verhalten.
Die buddhistische Ethik leitet sich aus der schlichten Tatsache ab, daß jede Handlung, die ich begehe – sei sie schädigend oder hilfreich für eine andere Person –, eine entsprechende Wirkung in meiner eigenen Person, meinem Bewußtsein hinterläßt. Dies ist einfach eine Gesetzmäßigkeit von Aktion und Reaktion, von Ursache und Wirkung. Somit ist das Grundprinzip, was das Verhalten angeht, die Gewaltlosigkeit und das Nichtverletzen, wobei man noch verschiedene Ebenen differenzieren muß. Die grundlegendste Form des Nichtverletzens besteht darin, anderen keinen Schaden zuzufügen, denn niemand möchte Leiden erleben; das wissen wir aus eigener Erfahrung. Die Ethik der Gewaltlosigkeit ist auch aus der Erkenntnis heraus geboten, daß ich durch den Schaden, den ich dem anderen zufüge, mir selbst in Zukunft Leiden einhandle. Diese Form des Verhaltens, das Nichtverletzen, ist die grundlegende Ethik im Hïnayāna, auch Kleines Fahrzeug genannt.
„Kleines“ und „Großes“ Fahrzeug – eine Begriffsklärung
Im Großen Fahrzeug, dem Mahāyāna, geht man noch darüber hinaus. Hier lautet das Gebot: „Versuche nicht nur, andere nicht zu schädigen, sondern bemühe dich aktiv darum, den anderen zu helfen, dein Leben, dein Potential in den Dienst der anderen zu stellen“; dies ist der Kern des Mahāyāna. Was die Begriffe „Kleines Fahrzeug“ und „Großes Fahrzeug“ angeht, so gibt es darüber die verschiedensten Vorstellungen und Theorien. Oft liest man in der Literatur, das Große Fahrzeug sei eine Religion für die Masse, während das Kleine Fahrzeug eine Religion sei, die der einzelne in der Abgeschiedenheit, vielleicht im Kloster praktiziert. Diese Darstellungsweise entspricht nicht den Erklärungen, die ich von buddhistischen Lehrern aus der tibetischen Tradition gehört habe. Diese weisen im Zusammenhang mit den Begriffen Kleines Fahrzeug und Großes Fahrzeug auf die unterschiedlichen Perspektiven in der Geisteshaltung beziehungsweise in der Motivation hin. Sie sehen darüber hinaus Hïnayāna und Mahāyāna als aufeinander aufbauende Stufen in der Entwicklung eines einzelnen: Ein Übender beginnt damit, die Verantwortung für sein eigenes Wohl auf sich zu nehmen und widmet sich der Aufgabe, sein eigenes Wesen, seinen eigenen Geist zu festigen. Zu diesem Zweck übt er das ethische Verhalten, andere nicht zu schädigen, und entwikkelt auf der Basis von Konzentration die korrekte Ansicht von der Selbstlosigkeit, um die Wurzeln des Leidens zu durchtrennen. Damit ist das Hïnayāna ein Fahrzeug, das in der Lage ist, die Last oder Verantwortung für das Glück der eigenen Person zu tragen.
Wenn sich der Übende dann fragt, ob das Erreichen des persönlichen Wohls als Ziel ausreichend ist, würde man dies aus der Sicht des Großen Fahrzeugs verneinen. Man muß auch die Verbindung der eigenen Person zu den anderen Wesen berücksichtigen. Ein Mensch ist zu höheren Zielen fähig und hat in gewisser Weise auch die Verantwortung dafür. So ist es das Ziel des Mahāyāna, nicht nur persönliche Leidfreiheit zu erreichen, sondern einen Zustand, in dem der einzelne zum größten Wohl der anderen wirken kann. Das endgültige Ziel für den einzelnen ist, die Buddhaschaft zu erreichen, einen Zustand, der vollkommen frei von allen Fehlern und mit allen positiven Eigenschaften ausgestattet ist. Nur ein Buddha ist in der Lage, den anderen Wesen in jeder Weise von größtem Nutzen zu sein.
Man spricht beim Mahāyāna also deshalb vom Großen Fahrzeug, weil es größere Last tragen kann, weil die Motivation umfassender ist, indem sich der Praktizierende am Wohl aller Wesen orientiert und nicht nur an seinem persönlichen Glück.
Dementsprechend versucht eine Person auf dem Pfad, sich Eigenschaften anzueignen, die notwendig sind, um die Erleuchtung aller bewirken zu können. Auch das Resultat dieses spirituellen Weges ist umfangreicher, da nicht nur das persönliche Nirvāna erreicht wird, sondern die Buddhaschaft, manchmal auch „nicht-verweilendes Nirvāna“ genannt.
